Es ist wieder da

oder Die Angst, die niemals weicht.

In diesem Herbst erlebt die deutsche Kinowelt einen Film, mit einem gänzlich anderen Konzept. ER ist wieder da – nach dem gleichnamigen Bestseller über Wochen hinweg ist ein satirisch-ernsthafter Dokufilm entstanden, der einen Blick in die „deutsche“ Seele zu werfen versucht und ein beständiges Gefühl der Angst beim Zuschauer hinterlässt.

Eine Bestandsaufnahme.

Die Zeit vergeht …

Und plötzlich liegt er da – ohne Bewusstsein und Orientierung natürlich. Der anrollende Ball bringt ihn in den ersten Kontakt mit jungen Fußballern – die kein anderes Leben kennen als im vereinigten Berlin. Sie eifern sehr sicher ihren großen Vorbildern nach in der laufenden WM, einer Begegnung vieler Nationen – im Jahr 2014. Doch wie soll es anders sein: seine letzten Erinnerungen liegen etwas mehr als 70 Jahre zurück.

Im Jahr 2014 also soll der echte, kein Double des wohl bekanntesten Mannes der Welt, von Hitler also, über die Straßen Berlins wandeln. Im Folgenden trifft er auf eine Gesellschaft, die sich in ständiger Unsicherheit über seine Zukunft wähnt, und die sich sehr oft das Versprechen erneuert hat, das die Vergangenheit abgeschlossen sei und so etwas wie damals nie wieder sei – systematischer Hass gegen Minderheiten, Angst vor dem Fremden, eine Abgrenzung der eigenen „Nation“ von anderen gleichartigen Gebilden.

Typisch „deutsch“! Gibt es das überhaupt?

Vom Film nun zur Realität – wie sieht die Bundesrepublik aus 25 Jahre nach der Wende? Wie sieht es aus mit Solidarität und europäischer Identität?

Es hat sich eine Partei rechts der CSU etabliert – die AfD: rechtspopulistisch und nationalkonservativ. Es stehen genutzte und geplante Flüchtlingsunterkünfte regelmäßig in Flammen. Es sind Menschen wieder im Mittelpunkt des Hasses eines braunes Mobs, zu dem sich auch die sogenannten „besorgten Bürger“ zählen lassen, da sie mit ihren „Spaziergängen“ den Hass noch weiterschüren und den Fakten und der Menschlichkeit in ihrer Mitte keinen Platz mehr geben.

Vor der „Islamisierung Europas“ warnen sie jeden Montag, die „patriotischen Europäer“. Es sind Menschen, die sich vom Staat verstoßen und der Politik, die sie mit dem Label des Establishments als herabwertend versehen, nicht verstanden. Unter diesen Menschen finden sich aber auch integrierte und erfolgreiche Teile der Gesellschaft, die sich prinzipiell keine Gedanken um ihre Zukunft machen müssen, aber auf das Fremde all ihre über die Jahre – der neuen Kriege im Nahen Osten, des damit einhergehenden ansteigenden Terrorismus, der Weltwirtschaftskrise – angestauten Ängste mal loswerden wollen.

Was meinen Menschen, wenn sie die „deutschen Werte“ eines sogenannten christlichen Abendlandes schützen wollen? Sie berufen sich scheinbar auf eine Religion, die sich selbst kaum kennen – nämlich ihre eigene. Von Nächstenliebe und Hilfe in Not verstehen sie nur wenig. Von Hass und Gewalt, die sie der ihnen unheimlichen Religion vorwerfen, dem Islam, verstehen sie selbst am meisten und wünschen „dem Pack„, den links-grün versifften Gutmenschen, ehrenamtlichen Helfern, ganz persönlich Gabriel und Merkel gar den Tod.

Das Grundgesetz, deren Lektüre weite Teile der Pegida-Anhänger und der AfD- und CSU-ler noch nicht beginnen konnten vor lauter Spaziergängen an frischer Luft, sei ihnen ans Herz gelegt. Von der Würde eines jeden Menschen und dem Recht auf Schutz vor politischen Verfolgung sowie einer menschenwürdigen Behandlung ist da die Rede. Derzeit sei die oft zögerlich wirkende Dauerherrscherin Merkel zu loben und ihr Einsatz für die Menschen in Not zu danken.

Europa rückt nach rechts

Akif Pirincci und Bernd Höcke sind beste Beispiele für tiefsitzenden Hass von Menschen, die gut in die Gesellschaft integriert schienen – der eine Autor, der andere Lehrer. Sie passen gut zusammen, ergänzen einander mit ihren kruden Ansichten und Weltanschauungen und der öffentlichen Hetze. Wenn der eine die Schließung der KZs bedauert, der andere von einem hundertjährigen Bestehen einer „deutschen Nation“ schwärmt, dann ist es krankhaft ihrerseits, sich auf den gesunden Menschenverstand zu beziehen und ihn für sich zu vereinnahmen.

Die AfD steht derzeit auf einem neuen Rekordhoch in den bundesweiten Umfragen, im Osten erzielt sie zweistellige Zustimmungswerte – und es ist kein Ende in Sicht. Der rechtsradikale Front National stellt womöglich in zwei Jahren die Präsidentin Frankreichs. In Polen gewann kürzlich die nationalkonservative Partei PiS um Kaczinski, sie fordert die Abweisung aller Flüchtlinge.

FPÖ und SVP im Süden der Bundesrepublik erzielen Rekordzustimmung mit ihrer Hetze und Abschottung. Die Jobbik-Partei in Ungarn ist nichst gegen die Fidesz-Partei von Orban, sie hetzt munter gegen Muslime und fordert ein Register für Juden – „man könne es doch irgendwann noch gebrauchen“.

Derzeit ist nichts von europäischer Identität in den Herzen der Menschen übrig. Viele Köpfe kennen heute nur noch neue Mauern, keine Brücken mehr zu anderen Menschen. Europa hat sich entschieden, rechts zu fahren und die Grenzen hochzuziehen – viel von dem „Wind of Change“ ist nicht mehr übrig geblieben.

Augen auf!

Augen auf, laut werden gegen rechts, Farbe bekennen! Stellen wir uns den Rattenfängern entgegen und beweisen, dass es anders geht. Dass wir Menschen, egal woher sie stammen, helfen müssen und können. Wir müssen überzeugt sein und überzeugen können. Es ist die vielleicht schwierigste Aufgabe seit der Wende, aber wir können es schaffen. Wir zeigen, dass es geht und wir gemeinsam stark sind für uns und andere – oder wir scheitern großartig.

Zukunft in Gefahr

Nicht Flüchtlinge und Menschen sowie Politiker bringen derzeit in der größten humanitären Krise nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unsere Zukunft in Gefahr! Es sind die Menschen, die andere Menschen abweisen und in den offenen Krieg zurückführen wollen, die Menschen nach ihrer Nationalität beurteilen und Flüchtlingsheime brennen lassen – sie gefährden den inneren Frieden und die öffentliche Ordnung, vergiften das Klima!

Auch ich wünsche mir, wie Anja Reschke in einem Kommentar für die tagesthemen, einen neuen Aufstand der Anständigen: es ist Zeit!

Auch erschienen auf Huffington Post Deutschland.

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